Im Rahmen unserer Interview-Reihe konnten wir unseren Jugendwart Sebastian Müer zu einem Interview bewegen.

Wie blickst du aktuell auf die Entwicklung unserer Jugendabteilung?
„Die Jugendarbeit hat innerhalb der letzten eineinhalb Jahre einen erheblichen Sprung gemacht. Für den Verein war eine Reform zwingend notwendig, da wir die Möglichkeiten einer Stadt wie Oldenburg nicht ansatzweise ausgeschöpft haben und – so fair muss man sein – im Vergleich mit anderen Vereinen auf Wettkampfniveau nahezu unsichtbar waren.
Mittlerweile konnten wir ein Trainer- und Betreuerteam aufbauen, das aus einer größeren Anzahl verlässlicher Personen besteht, sodass ein wöchentliches Training gewährleistet werden kann. Aus meiner Sicht ist Kontinuität extrem wichtig. Die Kinder sollen sich darauf verlassen können, dass immer etwas stattfindet.
Unterstützt wird dies durch einen WhatsApp-Infokanal, der die Eltern über aktuelle Entwicklungen, Termine, Turnierergebnisse und weitere Neuigkeiten auf dem Laufenden hält. Diese transparente Kommunikation ist Teil einer Reihe von Maßnahmen, mit denen der Verein seine Öffentlichkeitsarbeit deutlich verbessert hat. Dazu gehören unter anderem unser Instagram-Auftritt, eine stark verbesserte und kontinuierlich aktualisierte Homepage, Aufkleber mit QR-Code sowie Mannschaftstrikots.“
Wie viele Kinder und Jugendliche sind derzeit ungefähr bei uns aktiv und wie hat sich die Zahl in den letzten Jahren entwickelt?
„Wir haben aktuell 25 Mitglieder unter 18 Jahren. Vor kurzen hatten wir überhaupt keine.
Allerdings geht es uns nicht nur um steigende Mitgliederzahlen, sondern auch um eine regelmäßige Teilnahme am Vereinsleben. Besonders erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass wir bei den wöchentlichen Trainings häufig bis zu 20 Kinder begrüßen können.
Aufgrund der unterschiedlichen Spielstärken stellt uns das allerdings vor organisatorische Herausforderungen, insbesondere wenn nur ein Trainer anwesend ist. Wir müssen deshalb auch unsere Strukturen kontinuierlich an diese Entwicklung anpassen.“
Was sind aus deiner Sicht die größten Stärken unserer Jugendarbeit?
„Unsere größte Stärke liegt aus meiner Sicht in den guten Rahmenbedingungen und der zunehmend breiten organisatorischen Aufstellung. Wir verfügen über sehr gute Räumlichkeiten und verteilen die Arbeit auf mehrere Schultern.
Als Jugendleiter möchte ich grundsätzlich feste Strukturen und Abläufe schaffen, die verhindern, dass der Aufstieg und möglicherweise auch der Niedergang einer Jugendabteilung von einzelnen Personen abhängen.
Andere Vereine in unserem Umfeld haben über Jahrzehnte eine Jugendarbeit aufgebaut, die hinsichtlich Spielstärke und Beteiligung teilweise herausragend ist. Allerdings steckt dahinter häufig eine einzelne Person, die außergewöhnlich viel Herzblut investiert. Fällt diese Person weg, steht der Verein vor erheblichen Problemen.
Mein Ziel ist es deshalb, nicht nur personell, sondern auch organisatorisch Strukturen zu schaffen, die langfristig funktionieren. Dazu gehört insbesondere, dass sämtliche E-Mails, Absprachen, Maßnahmen und organisatorischen Abläufe nachvollziehbar dokumentiert werden. Der Posten des Jugendleiters soll im Idealfall jederzeit vollständig und ohne größere Reibungsverluste an einen Nachfolger übergeben werden können.“
Welche Ziele habt ihr euch für die kommende Saison gesetzt?
„Obwohl wir mit unserer vierten Mannschaft ein Jugendteam in der Unterbezirksliga Küste haben, regelmäßig weitere Kinder aus dem Jugendtraining an den Wettkampfbetrieb heranführen und nach sehr langer Zeit wieder Spieler zur Jugendbezirksmeisterschaft entsenden konnten, denke ich weniger in einzelnen Spielzeiten.
Ergebnisse spielen für mich zunächst eine untergeordnete Rolle. Gerade angesichts der anhaltenden Begeisterung junger Menschen für das Schach wünsche ich mir, dass wir immer mehr Kinder über das Probetraining für eine Mitgliedschaft gewinnen und sie anschließend auch an das Wettkampfschach heranführen können.
Für mich persönlich gab es als Jugendlichen kaum etwas Spannenderes, als mich in der Liga mit anderen Spielern zu messen.
Diejenigen, die wirklich motiviert sind, entwickeln häufig auch von sich aus den Ehrgeiz, etwas für ihr Spiel zu tun. Denn die meiste Arbeit findet letztlich zu Hause statt.
Unser Ziel muss es dennoch sein, diejenigen Kinder, die bereit für eine gezielte Leistungsförderung sind und selbst entsprechend viel investieren möchten, bestmöglich zu unterstützen.“
Wie gelingt euch der Spagat zwischen Spaß am Schach und der gezielten Förderung stärkerer Nachwuchsspieler?
„Bei ambitionierten Nachwuchsspielern muss langfristig nicht nur die Freude am Schach vorhanden sein, sondern auch die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Spiel auseinanderzusetzen und hart zu trainieren. Spaß und Leistungsorientierung müssen deshalb keineswegs im Widerspruch zueinander stehen.
Andererseits können zu viele Trainingsaufgaben oder ausführliche Partieanalysen Kinder überfordern, die einfach nur ein wenig Schach spielen möchten. Auch das ist völlig in Ordnung.
Künftig wollen wir deshalb noch deutlicher zwischen Anfänger- und Leistungstraining unterscheiden. Zum Anfängertraining sollen selbstverständlich auch freie Partien gehören. Denkbar wäre, beide Angebote an unterschiedlichen Terminen stattfinden zu lassen.
Mit Tom, Arno und künftig auch Marcel verfügen wir über drei Personen mit Trainerlizenz in den eigenen Reihen.
Dennoch stellt die Leistungsförderung unsere größte Herausforderung dar. Langfristig wünsche ich mir, dass es ehemalige Jugendspieler bis in unsere erste Mannschaft schaffen. Diese ist zwar seit Jahren sehr beständig, weist allerdings auch einen hohen Altersdurchschnitt auf.
Die sportliche Hürde ist entsprechend groß. Um Spieler auf dieses Niveau zu bringen, benötigen wir Trainer mit einer entsprechend hohen Spielstärke und fundierten Kenntnissen im Leistungstraining. Langfristig müssen wir deshalb auch über externen Unterricht durch Titelträger nachdenken.“
Gibt es aktuell besonders talentierte oder engagierte Jugendliche, deren Entwicklung du mit Spannung verfolgst?
„Aktuell tun sich insbesondere Malte, Maximilian, Yavuz, Robert und Finn als ambitionierte Nachwuchsspieler hervor, allerdings können neue Gesicher ganz schnell dazustoßen.
Gerade die Entwicklung von Finn finde ich sehr interessant. Mit seinen sieben Jahren ist er fünf Jahre jünger als die anderen und bringt großes Potenzial mit. Besonders positiv fällt mir auf, wie gut er bereits mit Niederlagen umgehen kann.
Entscheidend für die weitere Entwicklung ist allerdings häufig, welche Prioritäten die Kinder setzen, wenn das Schach mit anderen Interessen kollidiert. Wer eine wirklich hohe Spielstärke erreichen möchte, benötigt einen nahezu unbedingten Willen, sich ständig zu verbessern.
Manche Kinder hören wegen anderer Hobbys irgendwann auf oder spielen nur noch sporadisch. Deshalb möchte ich mich emotional nicht zu sehr auf die Entwicklung einzelner Talente festlegen, sondern versuche vielmehr, für alle eine bestmögliche Grundlage zu schaffen.“
Welche Rolle spielen Jugendturniere und Mannschaftswettbewerbe für die Entwicklung der jungen Spieler?
„Jugendturniere haben aus meiner Sicht einen besonders hohen Stellenwert. Sie sind für die Kinder häufig prestigeträchtiger und können enorm motivierend wirken, denn grundsätzlich messen sich Kinder gerne mit Gleichaltrigen.
Wenn mehrere Kinder gemeinsam zu einem Jugendturnier fahren, sich bereits während der Autofahrt über die bevorstehenden Runden unterhalten und anschließend alle ihre neuen Mannschaftstrikots mit Namen tragen, entsteht ein besonderes Gemeinschaftsgefühl. Da möchte natürlich jeder möglichst gut abschneiden.
Schön wäre es außerdem, wenn sich daraus Freundschaften entwickeln und die Kinder sich auch privat zum Schachspielen verabreden.
Mannschaftskämpfe sind selbstverständlich ebenfalls wichtig. Von ihnen profitiert insbesondere auch der gesamte Verein. Es freut mich deshalb sehr, wenn sowohl in unseren Mannschaften als auch bei der derzeit stattfindenden Vereinsmeisterschaft Spieler unterschiedlicher Generationen gemeinsam am Brett sitzen.“
Vor welchen Herausforderungen steht die Jugendarbeit aktuell – zum Beispiel bei Trainern, Räumlichkeiten oder der Gewinnung neuer Mitglieder?
„Wie bereits erwähnt, wird uns insbesondere die Leistungsförderung vor Herausforderungen stellen. Das betrifft sowohl die personelle Besetzung als auch die kontinuierliche Beschaffung und sorgfältige Auswahl geeigneter Trainingsmaterialien. In diesem Bereich verfügen wir bislang noch über vergleichsweise wenig Erfahrung.
Im Breitensport habe ich dagegen überhaupt keine Bedenken.
Wenn man sich vor Augen führt, wie jung unser Jugendkonzept noch ist, können wir insgesamt sehr zuversichtlich sein. Wir haben innerhalb kürzester Zeit bereits enorm viel aufgebaut.
Neben der hohen Beteiligung an unseren wöchentlichen Trainings und der Ferienpass-Aktion in den Sommerferien können wir bereits auf zahlreiche weitere Erfolge verweisen.
Dazu gehören die Teilnahme unserer Jugendspieler am Ligabetrieb, an der Vereinsmeisterschaft, am Oldenburger Open und an der Jugendbezirksmeisterschaft. Darüber hinaus konnten wir eine eigene Jugendklubmeisterschaft sowie einen Vergleichskampf gegen den SC Schwarzer Springer Ammerland organisieren.“
Was würdest du Eltern sagen, deren Kind Interesse am Schach hat, die aber noch nicht wissen, ob ein Verein das Richtige ist?
„Meistens erreichen mich entsprechende Anfragen per E-Mail.
Ab einem Alter von sechs Jahren können Kinder problemlos an drei Probetrainings teilnehmen und herausfinden, ob ihnen diese Art der Beschäftigung mit Schach gefällt und ob sie sich in der Gruppe wohlfühlen. In Ausnahmefällen ist eine Teilnahme bereits ab fünf Jahren in Begleitung der Eltern möglich.
Gerade wenn die eigene Familie beim Schachspielen zu Hause keine ausreichende Herausforderung mehr darstellt, kann ein Vereinsbesuch sehr sinnvoll sein.
Wer sich darüber informieren möchte, was unser Verein im Rahmen einer Mitgliedschaft alles bietet, dem empfehle ich, sich die unterschiedlichen Berichte auf unserer Homepage in Ruhe anzusehen.“
Gibt es Projekte, Turniere oder andere Aktionen, auf die du dich im Jugendbereich besonders freust?
„Ich möchte mich gar nicht auf ein einzelnes Projekt festlegen, weil mir die kontinuierliche Weiterentwicklung unseres gesamten Angebots wichtiger ist.
Als ich vor zwei Jahren das Jugendkonzept vorgestellt habe, klangen manche Überlegungen noch wie Träumereien. Viele Ideen aus dem damaligen Brainstorming konnten inzwischen umgesetzt werden, einige Erwartungen wurden sogar übertroffen.
Andere Vorhaben haben sich dagegen noch nicht etabliert. Dazu gehören beispielsweise regelmäßige Vereinsturniere auf dem Schachserver Lichess oder Trainingsangebote über Streamingdienste.
Auch die Zusammenarbeit mit den Schulen bietet noch erhebliches Potenzial. Bislang ist beispielsweise noch kein fließender Übergang von den Schach-AGs zum Probetraining im Verein erkennbar.
Gerade das Thema vereinsinterne Online-Jugendturniere möchte ich 2027 verstärkt angehen.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Überlegungen für langfristige Projekte: eine Simultanveranstaltung mit einem starken Spieler, ein Online-Zugriff auf Trainingsmaterialien, die Ausrichtung eines überörtlichen Jugendturniers in Oldenburg, ein Vergleichskampf „Alt gegen Jung“, spezielle Merchandise-Artikel für Kinder und vielleicht auch eine gemeinsame Vereinsfahrt.
Eine feste Reihenfolge gibt es dabei nicht. Unser Credo lautet vielmehr: „Bewährtes aus dem Vorjahr dauerhaft etablieren und das Angebot Schritt für Schritt um neue Ideen erweitern.““
Wenn du einen Wunsch für die Zukunft unserer Jugendabteilung frei hättest – welcher wäre das?
„Ich wünsche mir nicht nur für die Jugendarbeit, sondern für den gesamten Verein, dass sich noch mehr Mitglieder bereit erklären, bei Veranstaltungen und Aktionen vor Ort aktiv mitzuhelfen.
Wenn sich viele Menschen einbringen, kann man sich gegenseitig abwechseln und entlasten. So bleibt die Verantwortung nicht dauerhaft an einigen wenigen hängen, die einen Großteil ihrer Zeit und Energie für die Gemeinschaft investieren.
In dieser Hinsicht haben wir sicherlich noch sehr viel Luft nach oben.“

